Vielen Dank für Ihre Zuschrift. Gerne möchte ich auf Ihre Bedenken eingehen und den Hintergrund des StromVKG näher erläutern. Dabei möchte ich vorausschicken, dass ich uneingeschränkt zu unseren nationalen Klimazielen stehe und die auch in der Diskussion in meiner Fraktion immer so vertrete. Die derzeit spürbare Hitzewelle, die EU-weiten Waldbrände und der extrem niedrige Rheinpegel zeigen deutlich, wie dringend wir die Klimaziele einhalten müssen.
Ich möchte auch darauf hinweisen, dass der Handlungsbedarf zur Schaffung sicherer Kapazitäten zur Stromversorgung parteiübergreifend erkannt wurde. Schon die Vorgängerregierung hatte unter Robert Habeck einen Entwurf für eine ähnliche Kraftwerksstrategie vorgelegt und v.a. auch die Verhandlungen mit der EU-Kommission in Brüssel begonnen; daran konnte Katharina Reiche anknüpfen. Auch die Bundesnetzagentur und ihr Präsident Klaus Müller (früherer Landesminister der Grünen) unterstreichen ausdrücklich die Bedeutung des StromVKG für die Versorgungssicherheit. Wir brauchen diese Vorsorge für Phasen, in denen noch zu wenig Strom aus erneuerbaren Energien erzeugt wird. Allein durch den Kohleausstieg gehen in den kommenden Jahren rund 30 Gigawatt gesicherte, steuerbare Kapazität vom Netz; das ist eine Größenordnung, die wir ersetzen müssen, wenn wir Versorgungssicherheit ernst nehmen. Und das müssen wir: nicht nur die wirtschaftlichen Schäden selbst nur kurzer Stromausfälle wären erheblich; die Sorgen vor Blackouts sind auch politisch und gesellschaftlich nicht folgenlos, sondern wirken destabilisierend. Gerade in Nordrhein-Westfalen mit der energieintensiven Industrie entlang des Rheins und im Ruhrgebiet dürfte der rechtzeitige Bau eines Reservekraftwerks die Voraussetzung für den geplanten Ausstieg aus der Kohleverstromung sein.
Dabei ist klar: die im StromVKG vorgesehenen Kapazitäten sollten so wenig wie möglich laufen. Die neuen Kapazitäten sind als Absicherung für die Lücken gedacht, nicht als Ersatz für den Ausbau der Erneuerbaren. Es ist richtig, dass diese Absicherung zunächst überwiegend mit fossilem Gas erfolgt. Aber das ist kein Freibrief: Auch diese Anlagen müssen sich in unser verbleibendes CO2-Kontingent einordnen und spätestens bis 2045, wenn wir Netto-Null erreichen wollen, bei null stehen; sie müssen sich also rechtzeitig auf grünen Wasserstoff als CO2-freie Alternative umstellen.
Großbatteriespeicher haben andere technische Eigenschaften als thermische Kraftwerke, sie liefern bisher keine Langzeit-Reserve über Tage einer Dunkelflaute, sondern gleichen kurzfristige Schwankungen aus. Beide Technologien lösen also unterschiedliche Probleme im Netz. In weiteren Ausschreibungsrunden wird ihren Vorteilen noch deutlich mehr Raum gegeben, dann können sie ihre Stärken voll ausspielen. Zugleich ist bereits ein weitergehender Kapazitätsmechanismus für den Zeitraum ab 2032 in Vorbereitung, der die Systematik über die aktuelle Ausschreibungsrunde hinaus fortentwickeln soll. In diesem Rahmen werden auch Speicher eine große Rolle spielen.
Insgesamt bin ich sehr optimistisch, dass unterschiedlichste (auch günstige und technisch unkomplizierte) Speichertechnologien weiter entwickelt werden, so dass Speicher perspektivisch auch zu einer echten Option für Langzeit-Reserve werden. So kann in Zukunft auch jede produzierte KWh wirtschaftlich sinnvoll genutzt und Abregelung und negative Strompreise können zunehmend vermieden werden.
Die Ausschreibungsdauer von 15 Jahren war nötig, um einen tragfähigen Business-Case zu ermöglichen. Kraftwerksprojekte, ob Gasturbinen mit späterer Wasserstoff-Umrüstung oder andere Reservekapazitäten, haben hohe Vorlaufkosten und amortisieren sich nur über längere Zeiträume. Kürzere Ausschreibungsfenster hätten das Risiko erhöht, dass niemand in gesicherte Leistung investiert oder noch höhere Vergütungen hätten ermöglicht werden müssen. Durch den Ausschreibungsmechanismus ist gleichzeitig gesichert, dass nur die günstigsten Angebote zum Zuge kommen und die Netzkosten möglichst wenig belastet werden.
Insgesamt wurde mit dem StromVKG meines Erachtens ein Rahmen geschaffen, in dem sich die differenzierte und insgesamt zuverlässige, kostengünstige, resiliente und zunehmend erneuerbare Energieversorgung weiter entwickeln kann und die Klimaziele in diesem Sektor eingehalten werden.
Freundliche Grüße
Elisabeth Winkelmeier-Becker




