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Wir erhöhen den Anpassungsdruck an vorgegebene Normen und Standards

Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Kolleginnen und Kollegen! Es ist nicht leicht und vielleicht sogar unmöglich, hier irgendeinen intellektuellen Schachzug, irgendeine sprachliche Raffinesse aufzubieten, die Sie überraschen und überzeugen könnte, nachdem so viele Argumente ausgetauscht wurden. Ich stehe hier, um mit aller Eindringlichkeit dafür zu werben, dass Sie die PID nicht zulassen. Es geht bei der PID auch um das, was Voraussetzung dafür ist, dass menschliches Leben entsteht. Einem Leben, das entstanden ist, wird womöglich das Lebensrecht nicht zugestanden, weil es einen Test nicht bestanden hat, weil es Standards nicht erfüllt.
 
Wir könnten hier die medizinische Dimension beleuchten: Wie wahrscheinlich ist das? Wie hoch ist die Baby-take-Home-Rate? Was muten sich die Frauen zu? Ich muss sagen: Das sind für mich nicht die entscheidenden Argumente. Ich maße mir nicht an, für eine Frau die Entscheidung zu treffen, welcher Leidensdruck höher ist. Ist es der Leidensdruck, diese Prozeduren durchzuführen bzw. über sich ergehen zu lassen, oder ist es der Leidensdruck, sich den Kinderwunsch nicht erfüllen zu können? Darin sehe ich nicht die Aufgabe des Staates. Ich könnte mich als Juristin hierhin stellen und sagen: Das Bundesverfassungsgericht hat 1975 entschieden, dass mit der Verschmelzung von Ei und Samenzelle die Sache entschieden ist. Das würde dem Konflikt, um den es geht, und der Situation der Eltern nicht gerecht.
 
Aber was ist dann entscheidend? Keiner von uns kommt heute an der Frage vorbei, wann menschliches Leben beginnt. Wir, die wir heute hier entscheiden müssen, kommen nicht daran vorbei, und auch die Eltern und Mediziner kommen nicht daran vorbei, wenn sie das dann im konkreten Fall beantworten müssen.
 
Hat ein Mensch schon in diesem frühen Entwicklungsstadium mit wenigen Zellen die gleiche Würde und das gleiche Lebensrecht wie der geborene Mensch, der gesunde Mensch, der kranke Mensch, der alte Mensch? Das ist die Kernfrage. Wer sie verneint, der kann überhaupt keine Einwände gegen PID haben, und zwar im umfassenden Sinne nicht. Wer sich einmal auf den Standpunkt stellt, dass Lebensrecht und Menschenwürde erst zu einem späteren Zeitpunkt entstehen - welcher das sein soll, hat mir noch keiner überzeugend dargelegt -, der braucht dem Auswahlrecht der Eltern im Prinzip überhaupt keine Schranken zu setzen.
 
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD, der FDP und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
 
Ich weiß: Den Befürwortern der PID geht es heute nicht darum, Schrankenlosigkeit zu etablieren. Sie wollen nicht die Wunschbabys mit vorbestimmtem Geschlecht, vorbestimmter Haarfarbe und maßgeschneiderten Eigenschaften. Sie haben Familien im Blick, denen man wirklich helfen möchte. Wenn man das konsequent zu Ende denkt, dann erkennt man: Es gibt keinen Grund, die Auswahl auf bestimmte, definierte Krankheiten zu begrenzen.
 
(Volker Kauder (CDU/CSU): Völlig richtig!)
 
Wenn dem Embryo in diesem Stadium das Lebensrecht aberkannt wird, dann brauchen wir auch keine Ethikkommission.
 
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Pascal Kober (FDP))
 
Das ist der Grund, weshalb sich die restriktive Linie, die hier aufgezeigt wird, nicht halten lassen wird. Das, was ich hier von den Kollegen in der Debatte gehört habe, bestärkt mich sehr in meinen Befürchtungen, dass das nur der erste Schritt hin zur völligen Freigabe ist.
 
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD, der FDP und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Dr. Ilja Seifert (DIE LINKE))
 
Ich finde in der Entwicklung des Babys keine Stufe, von der man sagen könnte: Hier, an dieser Stelle, ändert sich etwas so gravierend, dass man vorher noch nicht von einem Menschen spricht, ab einem bestimmten Zeitpunkt aber schon. Im Embryo, auch in diesem Stadium, ist schon alles da; alles ist auf Entwicklung angelegt - auf eine Entwicklung hin zu dem Menschen, dem wir später womöglich begegnen, den wir womöglich sehen. Das sagt mir nicht nur mein Verstand, das sagen mir auch Herz und Bauch, und das war auch mein Empfinden in den ersten Tagen meiner Schwangerschaften. Das ist kein Zellhaufen. Das ist ein Mensch, eine Person, ein Du, das sich auf den Weg ins Leben gemacht hat.
 
(Beifall bei Abgeordneten des ganzen Hauses)
 
Ich habe ganz viel Sympathie für den Wunsch von Eltern nach einem Kind. Ich kann natürlich verstehen, dass sie sich für dieses Kind Gesundheit und eine gute Entwicklung wünschen. Aber das kann die PID nicht leisten. Sie sorgt nicht dafür, dass nur ein gesundes Kind gezeugt wird. Sie erhöht noch nicht einmal die Wahrscheinlichkeit. PID sorgt nicht dafür, dass von vornherein kein Leben mit irgendwelchen von der Medizin, der Gesellschaft oder der Politik definierten Defiziten entsteht, sondern sie ermöglicht nur, dass dieses Leben in einem möglichst frühen Stadium aussortiert wird.
 
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD, der FDP und der LINKEN)
 
PID ist kein Ansatz für eine Heilung. Sie führt nicht dazu, dass ein geliebtes, konkretes Kind zum Beispiel die Krankheit Mukoviszidose nicht hat; vielmehr hätten die Eltern ein anderes Kind. Das Kind mit der Normabweichung, mit der Krankheit, hätten sie verworfen und niemals kennengelernt. Das ist der ganze Unterschied.
 
Um ein gesundes Kind zu haben, wird die Herstellung weiterer überzähliger Embryonen in Kauf genommen, denen dann kein Lebensrecht zugestanden wird. Oft wird die Freude über das gesunde Kind nicht auf Dauer vergessen machen können, dass auf seinem Weg ins Leben einmaliges menschliches Leben zurückgelassen wurde. Wie kann man mit diesem Wissen glücklich und beruhigt leben? Wie kann das Kind, das das Rennen gemacht hat, mit dem Druck leben, dass es diese Auswahlentscheidung und sein Lebensrecht auf Kosten der anderen rechtfertigen muss?
 
(Wolfgang Zöller (CDU/CSU): Richtig!)
 
Wie kann eigentlich ein behindertes Kind damit leben, zu wissen, dass die Eltern beim nächsten Mal die PID in Anspruch genommen haben, weil sie eine solche Krankheit nicht noch einmal erleben wollten? Wie wollen wir als Gesellschaft damit leben, dass wir den Anpassungsdruck an vorgegebene Normen und Standards erhöhen, indem wir ein Verfahren etablieren, mit dem man möglichst früh Menschen mit Abweichungen aussortieren kann? Ich meine, dieser Preis ist zu hoch.
 
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Dr. Ilja Seifert (DIE LINKE))
 
Wir wollen nicht schauen, welche Fähigkeiten fehlen und daran ein Verdikt knüpfen, mit dem das Lebensrecht abgesprochen wird. Wir wollen nicht so tun, als hätte nicht jeder von uns irgendwo eine Macke. Wir wollen das in den Mittelpunkt stellen, was jeder mitbringt. Nach meiner Überzeugung entspricht nur das der Unantastbarkeit der Würde des Menschen.
 
Vielen Dank.
 
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD, der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)