Anfrage zum Thema: Gewalt gegen Frauen

Sehr geehrte Frau Winkelmeier-Becker,

nach der Sendung Kontraste  vom 5.5.14 auf ARD sind mir einige Gedanken zum Fall der 15jährigen vergewaltigten Jugendlichen und zur Aussage von Herrn Bockemühl, dass er die Gesetzesdefinition als ausreichend erachtet, durch den Kopf gegangen.

Im Film wurde ganz klar gesagt, dass die junge Frau sich nicht ausziehen wollte. Meiner Ansicht nach handelt es sich ganz klar um eine Gewaltanwendung, denn wenn sie sich nicht selbst ausziehen wollte, wer hat sie dann ausgezogen? Ganz offensichtlich  musste der Täter ihr die Kleider vom Leib ziehen, d.h. ER hat ihr die Hose und Unterhose! etc. ausgezogen, obwohl sie es nicht wollte.

Ist dies denn keine Anwendung von massivem Zwang und Gewalt?

Ich gehe einmal stark davon aus, dass sie nicht liebevoll und in einer liebenden Art und Weise behandelt und ausgezogen worden ist.  Vor allem kannte sie diesen Mann überhaupt nicht. Warum sollte sie dann überhaupt Interesse an einer körperlichen Begegnung mit ihm haben?  Oder hatte sie sich eventuell ganz plötzlich in diesen Mann verliebt? 

Wie Frau Freudenberg sagte, ein "Nein" sollte respektiert werden und jede Aktion und Tat, die daraufhin geschieht, ist GEWALTVOLL..

Meiner Ansicht nach wird das Problem der körperlichen Übermacht des Mannes einer Frau gegenüber zu wenig beachtet. Der Mann ist einfach schlichtweg körperlich stärker und hätte auch bei einem Kampf oder wenn sie sich gewehrt hätte die Übermacht behalten. Hinzu kommt das Überraschungsmoment und dies hat meiner Ansicht nach die junge Frau einfach gelähmt, vergleichbar mit dem Hasen vor der Schlange, warum hüpft der Hase nicht einfach weg, damit er nicht gefressen wird? Ihr wurde der Wille einer anderen Person mit Gewalt aufgezwungen - und dies in dem äußerst sensiblen Bereich ihrer sexuellen Selbstbestimmung (s. Frauenhelpline Schleswig-Holstein  www.helpline-sh.de/Vergewaltigung.html oder weiter unten).

Es spielt hier immer auch noch die gesellschaftliche und physische Übermacht des Mannes eine Rolle und die latente Hörigkeit der Frau. Leider ist die Frau immer noch nicht vom Mann als vollständiges, eigenbestimmtes Wesen anerkannt.

Wie können Frauen erwarten, dass sich ein Mann in eine solche Lage versetzen könnte? Versuchen sie es doch einmal (Anleitung weiter unten, "Erleben einer Vergewaltigung"). Setzen Sie sich einfach einmal in die Lage und stellen sich vor, Ihnen wird von einer Frau (oder Mann) die Hose/Unterhose runter gezogen, obwohl Sie sich nicht damit einverstanden erklären und obwohl kein Grund der Vertrautheit, Liebe, Anziehung etc. vorliegt. Wie würden Sie sich fühlen? Wäre es eine einfache Beleidigung? Oder eben doch ein respekt- und schamloses Vorgehen, das mit Gewalt (z.B. es zieht Sie jemand an Ihren Haaren) verglichen werden kann? Oder wurde hier keine Gewalt angewendet)?

Ich möchte Ihnen allen diese Gedanken zukommen lassen, in der Hoffnung, dass Herr Maas sich für Deutschland entscheidet,  die "Istanbul Konvention" anzuerkennen und in die deutschen Gesetze aufzunehmen, so dass auch ein "Nein" ein "Nein" sein sollte und alles was danach geschieht als Gewaltanwendung anerkannt wird. Und Herr Bockemühl vielleicht doch noch zu der Erkenntnis kommt, dass ein "Nein" reichen sollte und das ungewollte ausziehen der Kleidung oder die ungewollte Berührung des Körpers eine Gewaltanwendung ist ! Und den Damen wünsche ich, dass in Zukunft ein "Nein" gelten wird und alles was nach dem "Nein" geschieht als Anwendung von Gewalt gesetzlich anerkannt wird... am besten auf der ganzen Welt.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und das Lesen meiner Zeilen und wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg bei der Verhinderung und dem Schutz von weiblichen und männlichen Jugendlichen und Erwachsenen, die emotionale und körperliche sexualisierte Übergriffe bis hin zur Vergewaltigung erleben mussten.

Mit freundlichen Grüßen …

 

 

Antwort:

Sehr geehrte Frau …,

für Ihre oben genannte Zuschrift und den Hinweis auf die Angaben auf der Internet-Seite www.helpline-sh.de danke ich Ihnen.

Ähnliche Ratschläge und Hilfestellungen für Frauen, die Opfer sexualisierter Gewalt geworden sind, werden in Deutschland mittlerweile vielfach angeboten, wie beispielsweise auch auf der Internet-Seite www.frauennotruf-bremen.de.

Wie Sie sicherlich der genannten "Kontraste"-Sendung entnommen haben, vertrete ich die Auffassung, dass Fälle nicht straflos bleiben dürfen, in denen der Täter für ihn erkennbar ein Überraschungsmoment oder eine Einschüchterungssituation ausnutzt, die noch nicht die Grenze der Gewalt oder Nötigung erreicht. Insoweit sind nicht die Täter, sondern die Opfer und ihr sexuelles Selbstbestimmungsrecht zu schützen. Es muss dabei  - wie Sie zu Recht darauf hinweisen - akzeptiert werden, dass nicht alle Opfer gleich reagieren. So gibt es Opfer, die in solchen Fällen erstarren, so dass der Täter keine zusätzliche Gewalt mehr anwenden muss.

Die derzeit bestehende Regelungslücke muss geschlossen werden. Es ist anzustreben, dass eine entsprechende Regelung in den aktuellen Gesetzesentwurf des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz eingearbeitet wird. Bundesjustizminister Maas hat insoweit bislang offenbar keinen Änderungsbedarf gesehen. Ob aufgrund der Konvention des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt (sog. Istanbul-Konvention) eine Pflicht zur Änderung besteht, darüber können sich die Juristen sicherlich streiten. Artikel 36 der Konvention sieht vor, dass nicht einverständliche sexuelle Handlungen unter Strafe zu stellen sind. Einen derart weiten Schutz des sexuellen Selbstbestimmungsrechts sieht unser Strafrecht indes nicht vor. In den Erläuterungen hierzu wird allerdings ausgeführt, dass es den Vertragsparteien überlassen bleibe, über die genaue Formulierung in der Gesetzgebung sowie über die Faktoren zu entscheiden, die eine freie Zustimmung ausschließen. Aufgrund dieser Formulierung wird zum Teil die Auffassung vertreten, dass ein Reformbedarf nicht zwingend gegeben sei. Nichtsdestotrotz kann Reformbedarf unabhängig von der Frage anzunehmen sein, ob wir aufgrund der Konvention zur Änderung verpflichtet sind oder nicht.

Eine Änderung des Sexualstrafrechts erscheint auch notwendiger denn je zu sein, erforderlicher als z.B. die Änderung der Vorschriften zu den Tötungsdelikten. Dies jedenfalls belegen zum einen Ihr ausführliches Schreiben und zum anderen auch meine Gesprächskontakte mit Frauenrechts-Organisationen.

Mit freundlichen Grüßen

Elisabeth Winkelmeier-Becker“