Anfrage zum Thema: Rentenanpassung Ost-West

Sehr geehrter Herr ,

vielen Dank für Ihre Zuschrift. Wie so oft gibt es für beide Aussagen Argumente, je nachdem, ob man auf die Höhe der gesamten Rente, oder auf den Wert der für die Rentenmathematik zentralen Entgeltpunkte abstellt. Die Gesamthöhe der Rente ist vor allem bei älteren Frauen, die in der Tradition der DDR langjährig berufstätig waren, oftmals höher, als bei Frauen aus den alten Bundesländern, die in ihren Familien traditionell eher die Aufgaben der nicht berufstätigen Hausfrau und Mutter übernommen haben. Nicht selten sind deshalb Paare, die noch eine längere Berufsbiographie in der DDR hatten, mit Blick auf die gesetzliche Rente insgesamt besser gestellt, als manche Paare im alten Westen. Darauf bezieht sich vermutlich auch der FAZ-Artikel, den Sie ansprechen.  Allerdings gibt es im Westen vielfach noch Betriebsrenten, die die Bilanz wieder verändern. Anpassungsbedarf gibt es weiterhin bei der Gleichwertigkeit der Entgeltpunkte. Diese sind für Ostrenten geringer bewertet; auch dieses wird aber zum Teil wieder ausgeglichen durch eine Höherbewertung des Einkommens. Im Einzelnen:

Die Berechnung der Renten funktioniert bisher s: Ausgangspunkt ist das Durchschnittseinkommen in Ost und West. Das Durchschnittsentgelt beträgt im Jahr 2016 in Westdeutschland 36.267 Euro, in Ostdeutschland rund 31.593 Euro. Um diese Differenz auszugleichen, wird ein Hochwertungsfaktor von 1,1479 zugunsten der Ost-Einkommen angesetzt.

Bei der Berechnung der für die Rentenansprüche relevanten Entgeltpunkte werden die individuellen Arbeitsverdienste Ost über den Hochwertungsfaktor auf Westniveau angehoben. Ein Versicherter aus Hannover hat also im Jahr 2016 mit einem Jahresverdienst von 36.267 Euro brutto einen Entgeltpunkt West erworben (30,45 Euro). Ein Beschäftigter in Magdeburg erreicht mit einem Jahresverdienst von nur 31.593 Euro im Jahr 2016 durch die Hochwertung ebenfalls einen Entgeltpunkt, allerdings einen Entgeltpunkt Ost, der etwas weniger wert ist (28,66 Euro). Das bedeutet aber auch: Verdienen ein Arbeitnehmer im Osten und Westen denselben Eurobetrag, erwirbt der Arbeitnehmer Ost einen höheren Rentenanspruch.

Dazu ein Beispiel:

Verdienen beide 36.267 Euro brutto im Jahr, wird das Einkommen des Ostdeutschen rechnerisch höhergewertet auf 41.631 Euro. Denn er bekommt dennoch rund 1,1479 Entgeltpunkte gutgeschrieben, sein westdeutscher Kollege bekommt aber nur einen Entgeltpunkt. Die jeweiligen Entgeltpunkte werden für die Rentenberechnung mit dem jeweiligen aktuellen Rentenwert multipliziert:

Westen: 1 Entgeltpunkt x 30,45 Euro (aktueller Rentenwert West) = 30,45 Euro Rentenanwartschaft im Jahr 2016

Osten:  1,1479 Entgeltpunkte x 28,66 Euro (aktueller Rentenwert Ost) = 32,90 Euro Rentenanwartschaft im Jahr 2016

Je näher wir an das Ziel der Angleichung von Löhnen in West und Ost kommen, desto weniger brauchen die Ostlöhne höhergewertet zu werden. Bis Mitte der 90er Jahre hat die Angleichung der Löhne im Osten an das Westniveau gute Fortschritte gemacht. Bis zum letzten Jahr stagnierte das Niveau dann aber bei ca. 85 Prozent des Westniveaus und liegt aktuell bei gut 87 Prozent.

Da im Osten die Frauen im Durchschnitt dichtere Erwerbsbiografien hatten und haben als die Frauen im Westen und natürlich auch ihre Löhne mit Blick auf eine Rentenangleichung höhergewertet wurden und werden, haben die Frauen im Osten im Schnitt höhere Renten als die Frauen im Westen. Diese Tatsache trägt dazu bei, dass – wie Sie richtig anmerken – auch die allgemeine Durchschnittrente in den neuen Ländern höher ist als im Westen.

Die Standardrente hingegen (monatliche Regelaltersrente eines Versicherten in der allgemeinen RV, der 45 Jahre lang stets ein Entgelt in Höhe des Durchschnittsentgelts aller Versicherten bezogen hat) liegt in den alten Bundesländern bei 1.370,25 Euro und in den neuen Bundesländer bei 1.289,70 Euro. Das durchschnittliche Rentenniveau liegt allerdings wie dargestellt deutlich darunter.

Die Frage war nun: Wann haben sich die durchschnittlichen Einkommen in Ost und West komplett angeglichen? Trifft das ein, ist die Höherwertung der Einkommen in den neuen Bundesländern obsolet. Das Bundessozialministerium sah zunächst eine Angleichung der Renten in zwei Schritten vor, die zum 1. Januar 2020 abgeschlossen sein sollte. Derzeit sieht es aber nicht so aus, als wäre bis dahin das Entgeltniveau im Osten auf das des Westens gestiegen. Daher haben wir diesen Zeitpunkt auf das Jahr 2025 verschoben. 

Auch meine persönliche Überzeugung ist, dass wir die Rentenniveaus Ost und West sehr sensibel austarieren müssen. Zumal in Zeiten, da die Populisten jeden Anlass nutzen, um einen Keil in die Bevölkerung zu treiben. Der beste Weg zur Angleichung ist natürlich, die Wirtschaftskraft in den neuen Bundesländern auszubauen. Auch auf diesem Weg helfen weder extreme Positionen von Links oder Rechts.

Ich hoffe, Ihnen die komplizierte Systematik der Rentenangleichung samt der politischen Implikationen etwas näher gebracht zu haben. Danke für Ihr Interesse.

Mit freundlichen Grüßen

Elisabeth Winkelmeier-Becker

Rechts- und verbraucherpolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion